16 Jul
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Historischer Hintergrund zur Trilogie Zwischen Heimarbeit, Sklaverei und industriellem Aufbruch Die Trilogie «Die Fäden der Macht» spielt in einer Epoche, in der sich die wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung grundlegend veränderte. Im 19. Jahrhundert entstanden moderne Fabriken, internationale Handelsnetze und neue Vermögen. Gleichzeitig beruhte ein erheblicher Teil dieses Fortschritts auf Armut, Abhängigkeit und der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft.

Die Appenzeller Heimarbeiter 

Im Appenzellerland war die Textilherstellung lange kein Gewerbe grosser Fabriken, sondern Arbeit in den Wohnstuben einfacher Familien. Männer, Frauen und Kinder sassen an Webstühlen, spannen Garn oder stickten Stoffe für Händler und Textilunternehmer. Noch bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts beruhte das Textilgewerbe in Appenzell Ausserrhoden fast vollständig auf Hand- und Heimarbeit. Die Heimarbeiter arbeiteten jedoch nicht selbstständig im heutigen Sinn. Im sogenannten Verlagssystem stellten Kaufleute oder Unternehmer das Material bereit, erteilten Aufträge und nahmen die fertige Ware wieder entgegen. Häufig waren sogenannte Ferggerinnen und Fergger als Mittelsleute tätig. Sie brachten Garn und Stoffe in die Dörfer, kontrollierten die Arbeit und lieferten die fertigen Produkte an die Handelshäuser zurück. Für die Familien bedeutete dies eine unsichere Existenz. Ihr Einkommen hing von den Aufträgen, den Preisen auf den internationalen Märkten und der Beurteilung der Händler ab. Fielen die Preise oder blieben Aufträge aus, trugen nicht die Unternehmer, sondern die Heimarbeiter das unmittelbare Risiko. Gearbeitet wurde oft über viele Stunden hinweg, wobei sich Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt im selben engen Raum abspielten. Die Heimarbeit bot zwar einen dringend benötigten Zusatzverdienst, hielt zahlreiche Familien aber zugleich in wirtschaftlicher Abhängigkeit. Auch Kinder mussten häufig mithelfen, weil der Verdienst eines einzelnen Erwachsenen kaum ausreichte.

 Der Aufstieg der Ostschweizer Textilwirtschaft 

Die Region St. Gallen–Appenzell war bereits früh in den europäischen Textilhandel eingebunden. In St. Gallen wurde 1721 die Baumwollweberei eingeführt; ihren entscheidenden Aufschwung erlebte sie gegen Mitte des 18. Jahrhunderts. Mit der Industrialisierung veränderten Maschinen die Produktion. Zunächst wurde das Spinnen mechanisiert, später auch das Weben und Sticken. Dennoch verschwand die Heimarbeit nicht sofort. Noch um 1850 standen in der Schweiz rund 42’000 Fabrikarbeitern ungefähr 130’000 Heimarbeiter gegenüber. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlagerte sich ein wachsender Teil der Arbeit in Fabriken. Diese Entwicklung brachte einerseits grössere Produktionsmengen, schnellere Lieferungen und neue Absatzmärkte. Andererseits verloren viele Heimarbeiter ihre bisherige Existenzgrundlage. Wer keinen Platz in einer Fabrik fand oder mit den sinkenden Stücklöhnen nicht mehr auskam, war gezwungen, die Heimat zu verlassen. So wurde die Industrialisierung für die einen zum Weg in den Wohlstand, für andere zum Auslöser von Armut und Auswanderung. 

Baumwolle – der Rohstoff einer neuen Weltwirtschaft 

Der Aufstieg der europäischen und amerikanischen Textilindustrie wäre ohne Baumwolle kaum denkbar gewesen. Maschinen konnten immer grössere Mengen Garn und Stoff herstellen, doch dafür benötigten die Fabriken einen beständigen und möglichst günstigen Nachschub an Rohbaumwolle. Ein erheblicher Teil davon kam aus den Südstaaten der USA. Nach der Verbreitung der Baumwollentkörnungsmaschine, der Cotton Gin, liess sich kurzfaserige Baumwolle wesentlich schneller verarbeiten. Dadurch wurde ihr Anbau profitabler – und der Bedarf an versklavten Arbeitskräften nahm nicht ab, sondern stieg weiter an. Baumwolle verband damit Regionen, die geografisch weit voneinander entfernt lagen: Plantagen in Georgia oder South Carolina, Häfen wie Savannah, Handelsplätze in New York und Liverpool sowie Spinnereien und Webereien in England, Neuengland und der Schweiz. 

Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten 

Auf den Plantagen wurden versklavte Frauen, Männer und Kinder gezwungen, Baumwolle anzubauen und zu ernten. Sie galten rechtlich als Eigentum und konnten verkauft, vererbt oder von ihren Familien getrennt werden. Ihre Arbeitskraft bildete eine zentrale Grundlage der Plantagenwirtschaft. Die Geschichte der Baumwolle lässt sich daher bis in die 1860er-Jahre nicht von der Sklaverei trennen. Dabei profitierte nicht nur der Süden. Auch Textilfabriken im Norden der USA und in Europa verarbeiteten Baumwolle, die unter Zwang produziert worden war. Die amerikanische Nationalparkverwaltung beschreibt die Textilindustrie der Nordstaaten und die Sklavenwirtschaft des Südens als eng miteinander verflochten. Einige Fabriken stellten sogar besonders grobe Stoffe her, die anschliessend als Kleidung für versklavte Menschen auf den Plantagen verkauft wurden. Die Unternehmer konnten sich als fortschrittliche Industrielle verstehen und dennoch Teil eines Systems sein, dessen Rohstoffe durch Entrechtung und Gewalt entstanden. Diese moralische Verstrickung gehört zu den zentralen historischen Spannungen der Trilogie.   

Industrialisierung in den USA 

Während die Südstaaten stark auf Landwirtschaft, Baumwollanbau und Sklaverei ausgerichtet blieben, entstanden in den Nordstaaten immer mehr Fabriken, Eisenbahnlinien und industrielle Zentren. Auch im Süden gab es Versuche, Baumwolle nicht nur anzubauen, sondern vor Ort zu verarbeiten. Im Vergleich zum Norden blieb die industrielle Entwicklung dort jedoch begrenzt. Für einen Unternehmer eröffnete sich damit eine grosse Chance: Wer Baumwolle nicht lediglich als Rohstoff verkaufte, sondern daraus Garn oder fertige Stoffe herstellte, konnte einen wesentlich grösseren Teil der Wertschöpfung kontrollieren. Zugleich geriet er in Konflikt mit Plantagenbesitzern, Händlern und Geldgebern, die von den bestehenden Verhältnissen profitierten. Technischer Fortschritt war daher nie nur eine Frage besserer Maschinen. Er bedeutete auch einen Kampf um Kapital, Einfluss, Absatzmärkte und politische Macht. 

Der Bürgerkrieg als Wendepunkt 

Die Sklaverei war die zentrale Ursache des amerikanischen Bürgerkriegs, der 1861 begann. Die Sezession der Südstaaten und die Blockade ihrer Häfen unterbrachen den Baumwollhandel. Fabriken verloren Lieferungen, Preise stiegen und bestehende Handelsbeziehungen brachen zusammen. 1865 wurde die Sklaverei in den Vereinigten Staaten abgeschafft. Damit endete jedoch nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Benachteiligung der befreiten Menschen. Viele blieben von Landbesitz, Bildung und wirtschaftlicher Selbstständigkeit ausgeschlossen und gerieten in neue Abhängigkeitsverhältnisse. 

Die Welt hinter der Trilogie 

Vor diesem Hintergrund erzählt «Die Fäden der Macht» vom Weg Felix Haslers aus der Armut des Appenzellerlandes in die aufstrebende Industriewelt Amerikas und zurück in die Schweiz. Seine Geschichte verbindet zwei scheinbar weit voneinander entfernte Welten: die Heimarbeiter in den Hügeln der Ostschweiz und die versklavten Menschen auf den Baumwollfeldern der amerikanischen Südstaaten. Beide standen am Anfang einer Wertschöpfungskette, an deren anderem Ende Händler, Fabrikanten und Banken grosse Vermögen aufbauten. Die Trilogie zeigt damit nicht nur den Aufstieg eines einzelnen Mannes. Sie erzählt von einer Epoche, in der Maschinen die Welt veränderten, alte Ordnungen zerbrachen und wirtschaftlicher Fortschritt immer auch die Frage aufwarf, wer seinen Preis bezahlen musste.

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