

Anna Frei ist acht Jahre alt, als sie lernt, dass Armut nicht nur Hunger bedeutet. In ihrem Elternhaus erlebt sie Gewalt und Missbrauch, später wird sie als junge Magd erneut zum Opfer eines mächtigen Mannes. Schwanger, verstossen und ohne Schutz flieht sie nach St. Gallen – und gerät in ein Bordell, aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt. Als sie sich schliesslich wehrt, bezahlt sie dafür mit Gefängnis und Zwangsarbeit. Ihren Sohn Alois bringt sie in Haft zur Welt. Nach wenigen Wochen wird er ihr genommen. Doch weder Anna noch Alois lassen sich brechen.
Alois wächst ohne seine Mutter in kirchlicher Obhut auf. Er ist still, aufmerksam und aussergewöhnlich begabt. Während andere in ihm nur ein uneheliches Kind ohne Herkunft erkennen, entdeckt Bruder Urban seinen scharfen Verstand, seine technische Vorstellungskraft und seinen unstillbaren Hunger nach Wissen. Doch Förderung ist für ein Kind wie Alois nicht vorgesehen. Er wird aus dem Kloster fortgebracht und als Schwabenkind nach Württemberg verdingt. Auf einem abgelegenen Bauernhof erwarten ihn Hunger, Schläge und erbarmungslose Arbeit. Dort begegnet er Leni, der Tochter des Hauses, die ebenso unter der Gewalt ihres Vaters leidet. Zwischen den beiden entsteht eine stille Verbindung. Gemeinsam fassen sie einen Entschluss, der sie das Leben kosten kann: Sie werden fliehen.
Während Alois in Schwaben um sein Überleben kämpft, beginnt Anna einen ebenso gefährlichen Weg. In einem kirchlichen Arbeitshaus eignet sie sich Kenntnisse über Heilpflanzen und medizinische Anwendungen an. Nach ihrer Entlassung hilft sie Kranken, Frauen und Kindern, die von Ärzten, Behörden und Kirche im Stich gelassen werden. Doch eine Frau, die selbstständig denkt und heilt, weckt Misstrauen. Bald wird aus Dankbarkeit Gerede, aus Gerede Verleumdung und aus Verleumdung offene Bedrohung. Anna muss erneut fliehen. In Zürich findet sie schliesslich Aufnahme in der Apotheke der Witwe Elisabeth Bühler. Zum ersten Mal wird sie nicht geduldet, sondern wegen ihres Wissens gebraucht. Doch die Vergangenheit hat sie nicht vergessen.
Schwabenkind erzählt nicht nur vom Schicksal verdingter Kinder. Der Roman zeigt eine Gesellschaft, in der Armut über den Wert eines Menschen entschied, uneheliche Kinder entrechtet, junge Frauen zum Schweigen gebracht und Schutzbedürftige zwischen Kirche, Behörden und wohlhabenden Familien weitergereicht wurden. Im Zentrum stehen Anna und Alois: Mutter und Sohn, voneinander getrennt und doch durch denselben Willen verbunden, sich nicht auf das reduzieren zu lassen, was andere in ihnen sehen. Um sie herum entfaltet sich ein grosses historisches Panorama aus Gewalt und Mitgefühl, Schuld und Widerstand, Kirche und Wissenschaft, ländlicher Armut und dem beginnenden Aufbruch in eine neue Zeit.
Band I eröffnet eine weit gespannte Familiensaga über Herkunft, Wissen und gesellschaftlichen Aufstieg. Annas Suche nach Würde und Alois’ Kampf um Bildung bilden den Anfang eines Epos, das über mehrere Lebensabschnitte hinweg erzählt, wie zwei Menschen aus tiefster Entrechtung heraus ihren eigenen Platz in der Welt erkämpfen. Dabei verbindet die Trilogie persönliche Schicksale mit den grossen Fragen des 19. Jahrhunderts: Kinderarbeit und Verdingung, kirchliche Macht, soziale Herkunft, die beginnende Industrialisierung, Bildung als Privileg und der Kampf von Frauen um Wissen und Selbstbestimmung.
Schwabenkind ist ein eindringlicher historischer Roman über eine Mutter, der man ihr Kind nimmt, einen hochbegabten Jungen, den man zur Arbeitskraft erniedrigt, und zwei Menschen, die sich weigern, in der Rolle zu verschwinden, die ihnen die Gesellschaft zugedacht hat. Von den armen Höfen des Toggenburgs über Gefängnisse und kirchliche Arbeitshäuser bis zu den Verdinghöfen Württembergs und den Apotheken Zürichs spannt sich eine Geschichte von erschütternder Härte – aber auch von Wissen, Freundschaft, Mut und der Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Eine Mutter, die nicht mehr schweigt.
Ein Kind, das die Welt anders sieht.
Der Auftakt zu einem historischen Epos über Menschen, die keine Freiheit besitzen – und dennoch beginnen, sie sich zu nehmen.