In einer Buchbesprechung wurde «Die Fäden der Macht» vom Historiker Peter Müller als zu gross, zu dramatisch und zu sehr «Netflix» oder «Hollywood» kritisiert. Dabei entsteht beinahe die Frage: Wie viel Spannung darf Ostschweizer Geschichte eigentlich vertragen – und wer entscheidet darüber?
Die Besprechung stammt vom Historiker Peter Müller. Bemerkenswert ist jedoch: Einen konkreten historischen Fehler nennt sie nicht. Kritisiert werden stattdessen Spannung, Dramaturgie und die Grösse der Handlung, nachdem nach seinen eigenen Aussagen nur 100 Seiten des 1500 Seiten umfassenden Werkes gelesen wurden. Historische Fakten lassen sich anhand von Quellen überprüfen: Daten, wirtschaftliche Entwicklungen, technische Möglichkeiten oder gesellschaftliche Verhältnisse. Ob einem Romanhelden dagegen «zu viel» widerfährt, eine Handlung zu gross angelegt ist oder ein Spannungsbogen zu stark erscheint, lässt sich historisch nicht feststellen. Die Beurteilung von Dramaturgie, Spannungsbogen und literarischer Wirkung ist keine geschichtswissenschaftliche Fachaufgabe. Natürlich darf auch ein Historiker dazu eine Meinung haben. Dann urteilt er jedoch als Leser oder Literaturkritiker – nicht aufgrund einer besonderen historischen Fachkompetenz. Und genau da kommen wir zum entscheidenden Punkt:
Peter Müller hat selbst kürzlich einen Forschungsbericht zu St. Gallen, Sklaverei und Kolonialismus verfasst. Dieser Bericht wurde von der HSG-Ethnologin Rita Kesselring deutlich kritisiert – unter anderem als stellenweise unwissenschaftlich, thematisch überfrachtet, inhaltlich inkohärent und nur bescheiden referenziert. Interessant ist dabei Müllers eigene Reaktion: Er verteidigte seinen Bericht ausdrücklich damit, dass Stadtgeschichte nicht nur für den akademischen Fachdiskurs geschrieben werden dürfe. Geschichte müsse auch für interessierte Laien greifbar, verständlich und erzählbar sein. Genau das ist bemerkenswert. Denn bei «Die Fäden der Macht» wird nun ausgerechnet die erzählerische Verdichtung, die Dramaturgie und die Spannung zum Problem erklärt. Hinzu kommt ein methodischer Punkt: In seinem Forschungsbericht zieht Müller teilweise aus Zeitungsartikeln, Kalendern und einzelnen zeitgenössischen Fundstücken Rückschlüsse darauf, was Menschen damals wussten, wahrnahmen oder verdrängten. Das ist als historische Interpretation möglich – aber es zeigt zugleich, wie vorsichtig man sein muss, wenn aus einzelnen Quellen Aussagen über die Haltung ganzer Bevölkerungsgruppen abgeleitet werden. Umso erstaunlicher wirkt deshalb die sehr bestimmte Aussage, ein Roman werde «den damaligen Menschen und ihrer historischen Wirklichkeit nicht gerecht». Denn auch hier gilt: Historische Quellen können zeigen, was überliefert wurde. Sie können nicht vollständig zeigen, was Menschen gedacht, gefühlt oder in aussergewöhnlichen Situationen getan hätten. Und gerade dort beginnt der Raum des Romans.
Wenn Geschichte in einem Forschungsbericht für Laien «greifbar, verständlich und erzählbar» sein darf, stellt sich die Frage, warum einem historischen Roman dieselbe Freiheit plötzlich als «Netflix», «Hollywood» oder zu viel Spannung ausgelegt wird. Geschichtsvermittlung darf unterschiedliche Formen haben. Wissenschaft erklärt. Literatur macht Vergangenheit erlebbar. Beides kann nebeneinander bestehen.
Ein historischer Roman ist keine Chronik. Er darf verdichten, Konflikte zuspitzen und aussergewöhnliche Lebenswege erzählen – solange sein historischer Hintergrund glaubwürdig bleibt. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob eine Romanfigur ein durchschnittliches Leben führt, sondern ob die erzählte Geschichte innerhalb ihrer historischen Welt plausibel bleibt. Interessant ist dabei auch der Massstab: Dem Roman wird vorgeworfen, zu dramatisch, zu spektakulär und zu «Hollywood» zu sein. Die Buchbesprechung selbst arbeitet jedoch ebenfalls mit Begriffen wie «Netflix» und «Hollywood», also mit bewusst starken Zuspitzungen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Was im Journalismus als wirkungsvolle Zuspitzung funktioniert, sollte einem Roman nicht allein deshalb als Schwäche ausgelegt werden.
Historische Romane ersetzen keine Geschichtsschreibung. Sie können aber eine Brücke zur Vergangenheit schlagen und Menschen für historische Zusammenhänge interessieren, die wissenschaftliche Fachliteratur vielleicht nie lesen würden. Geschichtsschreibung bewahrt Wissen. Literatur kann dazu beitragen, dass dieses Wissen die Menschen erreicht. Und deshalb bleibt am Ende nur eine Frage:
Lies selbst und bilde dir dein Urteil.
Und selbst wenn eines Tages der letzte Historiker verstummt sein sollte, werde ich mich weiter dafür einsetzen, dass Geschichte nicht in Archiven und Fachbüchern verbleibt, sondern die Menschen erreicht.
Konrad Falkenberg
AM BELIEBTESTEN
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