
Über Hongkong wurde viel geschrieben – selten aus Sicht der Chinesen, die dort lebten, Handel trieben und die Folgen der britischen Eroberung tragen mussten. Kanton, 1837. Das Handelshaus Li besitzt Dschunken und Speicher, vergibt Kredite und handelt mit Tee, Seide und Baumwolle. Sein Wohlstand beruht auf einem Netz aus Verwandten, Geschäftsfreunden und langjährigem Vertrauen.

Für den Handel mit europäischen Kaufleuten ist die Familie jedoch auf das lizenzierte Haus Chan angewiesen. Als immer mehr Opium ins Land gelangt und chinesisches Silber abfliesst, wird diese Abhängigkeit gefährlich. Patriarch Li Chun-Yu will das Vermögen und den guten Namen seiner Familie bewahren. Doch seine Söhne ziehen gegensätzliche Schlüsse aus der Krise. Der ältere Kin erwartet, das Handelshaus eines Tages zu führen. Er fühlt sich übergangen, als sein Vater dem jüngeren Wai zunehmend Verantwortung überträgt. Wai prüft neue Handelswege und versucht zu verstehen, wie britische Schiffe, Kredite und politische Macht zusammenwirken. Kin sucht seinen eigenen Weg zu Einfluss und gerät dabei in Geschäfte, die der Vater entschieden ablehnt.
Bald bedroht das Opium nicht allein einzelne Menschen, sondern den Ruf des gesamten Hauses Li. Auch Meilins Zukunft ist Teil der Familiengeschäfte. Ihre Ehe mit Chan Po soll die Verbindung zweier Handelshäuser festigen. Meilin versteht Rechnungen und Verträge besser, als man ihr zugesteht, doch über ihre Heirat darf sie kaum bestimmen. Als sie Thomas Ashford begegnet, einem englischen Dolmetscher im Dienst der Kaufmannsfamilie Harrington, entstehen Gefühle, die beide in Bedrängnis bringen. Thomas profitiert von einem Handelssystem, dessen Folgen er zunehmend erkennt. Meilin weiss, dass eine Entscheidung für ihn auch ihre Mutter, ihre Familie und ihre eigene Stellung treffen würde.
Jenseits der Kontore erleben andere den Konflikt auf ihre Weise. Der Hafenarbeiter Ah-Sang greift nach einer Verletzung zu Opium und kämpft bald um Arbeit, Lohn und das Vertrauen seiner Frau. Ah-Lan, eine junge Frau aus der Welt der Vergnügungsboote, hört die Gespräche der Händler und merkt sich, was diese vor ihr verbergen wollen. Ihr Wissen kann für mächtige Männer gefährlich werden – und ihr selbst vielleicht einen Ausweg eröffnen.
1839 geht der kaiserliche Sonderkommissar Lin Zexu gegen den Opiumhandel vor. Die Spannungen zwischen China und Grossbritannien münden in Krieg. Während Kriegsschiffe die Küste bedrohen, müssen die Lis entscheiden, wem sie vertrauen, welche Geschäfte sie verantworten können und wie sie die Familie zusammenhalten. Als britische Truppen 1841 Hongkong besetzen, leben auf der Insel bereits Fischerfamilien, Bauern und Händler. Für Wai ist sie zugleich verlorenes chinesisches Land und ein Ort, an dem sein Handelshaus vielleicht eine Zukunft aufbauen kann.
«Der geraubte Hafen» erzählt den Ersten Opiumkrieg und den Beginn der britischen Herrschaft über Hongkong aus den Blickwinkeln chinesischer Kaufleute, Arbeiter und Frauen. Der erste Band der Hongkong-Trilogie verbindet den grossen politischen Umbruch mit Entscheidungen innerhalb einer Familie: über Loyalität und Verrat, über Gewinn und Verantwortung und über die Frage, wer den Preis für einen neuen Hafen bezahlt.